Logo des Landkreises Waldeck-Frankenberg  

top

 

Aufführungen

AUFFÜHRUNGEN
2002

Überblick

Theaterwoche Korbach 2002

 

Theaterwoche Korbach 2002: Aufführungen

Mies-van-der-Rohe-Schule, Aachen
Spielleitung: Eckhard Debour
"Galilei" von Bertolt Brecht

Mit dem Satz "Wir stehen wirklich erst am Beginn" endet Brechts Drama. Recht sollte er behalten, bedenkt man die zukünftigen, womöglich irreversiblen Manipulationen am menschlichen Genom, die uns - kopflosen Hühnern gleich - aufschrecken lassen. Das Ausbrechen des religiösen Fundamentalismus hat vielleicht seinen Grund in der Heimatlosigkeit des neuzeitlichen Menschen, der sagt: "Die Himmel, hat es sich herausgestellt, sind leer. Darüber ist ein fröhliches Gelächter entstanden" (1. Bild). Hier finden sich gegenwärtige Bezüge zu unserem Stück.

Der "Galilei" ist vielleicht Brechts "Lebenswerk", immerhin arbeitete er an ihm von 1938 bis zu seinem Tod 1956 und erstellte drei Fassungen, die eine Wandlung der Hauptfigur vom Helden zum Antihelden beschreiben und sich an den jeweiligen zeitgenössischen Ereignissen orientieren.

Der Held der neuzeitlich-naturwissenschaftlichen Aufklärung - ursprünglich gegen den Dogmatismus der Kirche gewendet - wird zum skrupellos-technischen, egoistischen Wissenschaftler, mit dessen Forschung das neue, materialistische Zeitalter Einzug hält und der laut und ebenfalls dogmatisch in der Figur des Andrea sein Credo einfordert: "Die Wissenschaft kennt nur ein Gebot: den wissenschaftlichen Beitrag" (14. Bild).

Wir wollen unser Stück nicht als larmoyante Klage über die Verantwortungslosigkeit des Wissenschaftlers verstehen. Wer weiß denn heute noch, ob es "gut" oder "böse", "richtig" oder "falsch" gibt? Das vorherrschende Gesetz lautet: "Skudi wert ist nur, was Skudi bringt" (1. Bild). Was wir sehen, ist menschliches Nützlichkeitsdenken, was gedacht wird, wird gemacht und vielleicht sind die von Expertengremien und Ethikkommissionen aufkommenden Appelle an die "Moral" ja letztlich nur hilfloses Alibihandeln oder selbstgerechter Selbstbetrug?

Wir kommen von der Mies-van-der-Rohe-Schule Aachen, einem Berufskolleg für Technik. Unsere Gruppe besteht seit 1992 aus der Kombination von Theater AG und Literaturkurs der Jahrgangsstufen 12 und 13. Zudem spielen auch ehemalige Schüler, Schüler anderer Schulen und Auszubildende in unserer Gruppe mit.

 

3gal-gruppe2.jpg (24706 Byte) 3gal-gruppe3.jpg (20583 Byte) 3gal-kost.jpg (19763 Byte)
3gal-anf.jpg (22299 Byte) 3gal-gruppe.jpg (25914 Byte)
Impressionen aus der Aufführung

Dienstagvormittag spielte die Mies-van-der-Rohe-Schule / Aachen unter der Spielleitung von Eckhard Debour "Galilei" nach Brecht. An sich von Umfang und Figurenkonstellation für Schüler "unspielbar", gelang es der Gruppe jedoch, die Zuschauer mit ihrer eine gute Stunde dauernden eindrucksvollen Inszenierung zu fesseln. Obwohl die Spielvorlage textgetreu zusammengestellt wurde, waren hierfür weitgehende Kürzungen erforderlich, und es ergab sich eine Neuorientierung. Brecht selbst arbeitete von 1938-1956 an diesem Stoff und erstellte drei Fassungen. Den Zeitbezügen entsprechend, vor allem unter dem Eindruck der Atombombe von Hiroshima, veränderte er den Charakter seines Haupthelden. Aus dem zukunftsgläubigen Forscher, der auf die Vernunft des Menschen baut, wird der skrupellos-technische egoistische Wissenschaftler, den Brecht sagen lässt: "Ich überlieferte mein Wissen den Machthabern, es zu gebrauchen, es nicht zu gebrauchen, ganz wie es ihren Zwecken diente." An anderer Stelle heißt es: "Ihr mögt mit der Zeit alles entdecken, was es zu entdecken gibt, und euer Fortschritt wird nur ein Fortschreiten von der Menscheit weg sein." Das ist der Aachener Ansatz für ihre Galilei-Konzeption, umrahmt von Schillers Gedicht "Die entgötterte Natur" und dem Antimärchen aus Büchners "Woyzeck".
Zu Beginn Donnergrollen: Die Spieler treten auf in weißen Gewändern mit durchsichtigen Kunststoff-Oberteilen, und während sie das Gedicht sprechen, spielen sie mit leuchtenden Jojos, als wären es schwebende Gestirne. Galilei wird in den folgenden Szenen von 4 Spielern verkörpert, an Gewicht stetig zunehmend, unterschiedlich in Erscheinung und Wesensart als Symbol für Aufstieg und Niedergang. Erst zum Schluss sitzt er wieder dürr und zusammengesunken mit seinem Essnapf auf der als Drehscheibe gedachten phosphorgrünen Erde. Gut gelungen sind die Demonstrationen seiner Forschungsergebnisse; Lichtprojektionen auf der Rückwand verdeutlichen die neue Astronomie. "Es beginnt eine neue Zeit" aber "die Himmel sind leer". Zwei lange Glasrohre fungieren als Fernrohre und werden durchgehend bespielt. In und zwischen den einzelnen Bildern erklingen einzelne Takte aus Bachs a-moll-Fuge im Kontrast zu Heavy-metall-Musik. Das letzte Gespräch zwischen Galilei und Andrea ist auf alle Spieler verteilt, die sich in den Zuschauerraum zurückgezogen haben; auf diese Weise werden alle in die Kernfrage: "Was darf der Mensch?" einbezogen.
Die Galilei-Inszenierung knüpft an die im Vorjahr gezeigte Aufführung "Gen 3.5" an und versteht sich als deren Fortsetzung: ein Weg der Entgötterung durch Materialisierung. Die Plastikente, die am Schluss einsam über die Bühne gleitet, hinterlässt eine Leere.

Hier geht's zur Nachbesprechung dieser Aufführung aus der Festivalzeitschrift Spotlight.
Sie steht als pdf-Dokument (Größe: 76 kb) zur Verfügung. 
Zum Lesen dieser Datei benötigen Sie den Acrobat Reader von Adobe.

nach oben  

Bei Rückfragen und Anmerkungen zu dieser Webseite
wenden Sie sich an Michael Schwarzwald
Stand: Juli 2002

Startseite Aktuelles Einführung Aufführungen Werkstätten Inhalt & Suchen