Logo des Landkreises Waldeck-Frankenberg  

top

 

Aufführungen

AUFFÜHRUNGEN
2002

Überblick

Theaterwoche Korbach 2002

 

Theaterwoche Korbach 2002: Aufführungen


"Jubiläum" von George Tabori
gespielt vom Theater Punkt, Aachen
Spielleitung: Eckhard Debour

Ein Schrei nach Leben - kein Grund zu feiern?
Mit dem Stück "Jubiläum" kehrt G. Tabori zu den Wurzeln des Theaters als religiöser Kulthandlung zurück und feiert für und mit den Zuschauern auf dem "Friedhof" ein tragisches Fest des menschlichen Lebens.

Die konzentrierende, nationalsozialistische Lebensvernichtung ist im heutzeitigen (Welt-) Gedächtnis zu einer Art pseudoreligiösem Ereignis herangereift, in dem wir unseren Weltschmerz wie in einem Tabernakel aufzubewahren versu-chen. Als "schützenswertes Weltkulturerbe" wird die millionenfache Vergasung unterschiedlichster Menschen zu einem der letzten Tabus sakralisiert. Tabori bricht dies in seinem Stück "Jubiläum" in der jüdischen Tradition - mit dem Entsetzen Scherze zu treiben - und ermöglicht so Schauspielern und Zuschauern die Katharsis.
"Entheiligt" wird das damalige Geschehen uns heute zu einem existentiellen Nachvollzug, der auf Schuldsprüche verzichtet und uns die unentrinnbare Tragik menschlichen Seins auch von ihrer komischen Seite vor Augen führt.

Im hoffentlich authentischen Spiel wird der Schauspieler zum Mittler. Wir durchleben sinnlich erfahrbar - mitleidend - die paradoxe Verfasstheit unseres Daseins und können so mit ihm kurzzeitig - Erlösung ahnend - Frieden schließen.

Der Bach-Choral "Den Tod niemand zwingen kunnt" wird in unserer Inszenierung zum Leitmotiv. Wenn Tabori am Ende des Stückes die Schauspieler miteinander das Brot brechen lässt, wird vielleicht verständlich, warum wir hier J. S. Bachs "Ciaconne" für Violine und seinen Choral "Christ lag in Todesbanden" für 4 Stimmen zu Gehör bringen.

8jub-gruppel.jpg (20935 Byte) 8jub-gruppe.jpg (23954 Byte) 8jub-mizi.jpg (28506 Byte)
8jub-geig.jpg (20004 Byte) 8jub-gesprach.jpg (22667 Byte)
Impressionen aus der Aufführung

Der Donnerstagabend zeigte den dritten, diesmal tragikomischen Höhepunkt. Das Rohes-Theater aus Aachen (ehem. Theater Punkt) spielte in einer alten Fabrikhalle in Frankenberg-Schreufa unter der Regie von Eckhard Debour "Jubiläum" von George Tabori.
Auf einem jüdischen Friedhof stehen die Toten aus ihren Gräbern auf und versammeln sich zu einer Party des Todes. Sie begegnen sich selbst als vormalig Lebenden und treffen unter der Regie des Totengräbers mit alten und neuen Nazis zusammen. Sie spielen ihre Erinnerungen - wider das Vergessen - in makaber komischen und grausam alltäglichen Szenen.
Die Spielfläche: 40qm² Glasscherben, im Hintergrund 5 große Scheiben als Grabsteinstelen, unter weißen Laken auf weiteren 5 Scheiben als Grabsteinplatten, nur beleuchtet von zwölf 100-Wattbirnen, liegen die fünf Toten: Arnold, ein Musiker, gespielt von Udo Sistermann; Elena Kreimermann als Lotte, seine Frau; Susan Hossein Ali Beigi als fantastische Mitzi, ihre spastische Nichte; Philipp Fröhlig als Otto, ein Friseur, und Carlo Hennig als Helmut, dessen Frau. Des Weiteren treten auf, der rechtsradikale Jürgen, Helmuts Neffe, gespielt von Robin Thevis; der Geist von Arnolds Vater, gespielt von Arnold und Michael Vonderbank in der Rolle des Totengräbers Wumpf.
Man betritt mit einer Brezel in der Hand, die eine freundliche junge Frau mit den besten Wünschen verteilte, unter der Gräuschkulisse von zerschlagenem Glas den eindrucksvollen Spielort. Im Verlauf der Inszenierung wird der Bachchoral "Den Tod niemand zwingen kunnt" zum Leit/dmotiv. Taboris Textvorlage ist nur unwesentlich gekürzt und es wird der Versuch unternommen, diese "werkgetreu" in einer Eins - zu - eins - Besetzung umzusetzen. In einem makaber-komischen Spiel erwies sich für manche Zuschauer dabei insbesondere der überzeugend gestaltete lange Monolog der Spastikerin Mitzi als Herausforderung, denn man war zusätzlich zum inszenierten Text durch Bild - und Lichtregie gezwungen, dieser 14 Personen wechselhaft verkörpernden extremen Spiel- und Sprechweise zuzuhören, was Susan Hossein Ali Beigi in der Nachbesprechung als von ihr bewusst eingesetztes Mittel darstellte.
Mit ihrem überzeugend dargestellten, authentischen Spiel, unterstützt durch die Wirkung der mit Glasscherben gestalteten Spielfläche, auf denen sie barfuß sich bewegen, werden die Spieler zum Mittler, die dem Zuschauer die paradoxe Verfassheit des menschlichen Daseins im Mitleiden andeuten, ohne ihn mit Lösungen erlösen zu können (Katharsis?). In diesem Sinne lässt den Zuschauer das Brezelbrechen der Schaupieler am Schluss zum Choral "Christ lag in Todesbanden" mit der Aussage allein: "Wir sind halt komische Leut."...

Hier geht's zur Nachbesprechung dieser Aufführung aus der Festivalzeitschrift Spotlight.
Sie steht als pdf-Dokument (Größe: 77 kb) zur Verfügung. 
Zum Lesen dieser Datei benötigen Sie den Acrobat Reader von Adobe.

nach oben  

Bei Rückfragen und Anmerkungen zu dieser Webseite
wenden Sie sich an Michael Schwarzwald
Stand: Juli 2002

Startseite Aktuelles Einführung Aufführungen Werkstätten Inhalt & Suchen