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Werkstätten

WERKSTÄTTEN

Gesamtüberblick

Literarische Quartett-
karten (2002)

 

 

Werkstätten
Theaterwoche Korbach 2002:

Karten-Spiele

Werkstatt Performance
Suse Morawietz, Münster

"Die Karten auf den Tisch!"
"Von Spielregeln und Spielverderbern"

Für die Werkstatt "Performance" hatten sich rund 20 Teilnehmer gemeldet. Zunächst erschien mir diese Zahl sehr groß, da allein schon räumliche und organisatorische Probleme entstehen, wenn viele - zum Teil in der bildenden Kunst unerfahrene - Menschen anfangen, auf großen Flächen mit breiten Pinseln zur Musik gestisch zu malen, mit Stiften und Kreiden vor Packpapierbahnen zu tanzen und zu spielen, aus Stoffbahnen Skulpturen zu bilden usw. Ein wirkliches Experiment also! Aber, wie ich schon vorgreifend sagen kann, es war ein gelungenes Experiment.

Der Begriff Performance hat in seiner Übersetzung aus dem Englischen zunächst einmal die ganz simple Bedeutung: Aufführung. Also ist jede Theateraufführung, jedes Konzert schon eine Performance. Warum soll man denn dann eine Werkstatt innerhalb einer Theaterwoche noch mal speziell zu diesem Begriff durchführen? Ist das nicht tautologisch? Das ist es nicht, wenn man auf die bildende Kunst schaut und feststellt, dass die Performance ein wichtiger Bereich der Kunst seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ist. In einer Performance verbinden sich theatrale Elemente mit bildnerischen Prozessen zu einem Ereignis, dass einzigartig bleiben muss, da es Zufallsmomente enthält, die nicht wiederholbar sind - selbst wenn der Ablauf der Performance geplant werden kann.
Auf Grund dieser Aspekte hatte ich die Arbeit in meinem Kurs folgendermaßen gegliedert:

  • Erarbeitung von Bewegungsabläufen und körpersprachlichen Ausdrucksformen zu den vorgegebenen Zitaten (theatraler Aspekt);
  • Bewegungsarten mit Stoffbahnen (Schleiertänze) als Ausgangspunkt für das Entstehen lebender, gegenstandsferner Plastiken (theatraler und bildnerisch -künstlerischer Aspekt);
  • Umsetzung akustischer und visueller Signale in graphische Zeichen und Spuren (bildnerisch -künstlerischer Aspekt);
  • Entwicklung von großflächigen Farbkompositionen als geplante Gruppenprozesse (Malen und sich bewegen nach Musik) (Bildnerisch - künstlerischer und theatraler Aspekt);
  • Erstellen eines Konzeptes für die geplante Präsentation aus den bisherigen Aktionen;
  • Vorbereiten und Einüben der Performance.

Die Arbeit mit der Gruppe war von Anfang an sehr intensiv. Besonders die bildnerisch - künstlerischen Aktionen weckten ihre Neugier und - wie ich feststellen durfte - ihre Begeisterung.
Bei den anfänglichen Improvisationen und Warming up Elementen legte ich einen starken Schwerpunkt auf Statusübungen, da sie meiner Meinung nach den vorgegebenen Zitaten entgegen kamen. Im Anschluss daran wurde mit dem Zufall des Kartenspiels gearbeitet. Die Wörter der vier Zitate wurden auf Karten geschrieben, gemischt und mussten dann - erst einzeln, dann paarweise und dann in Gruppen in kleinen improvisierten Szenen dargestellt werden.

Als neuer Aspekt wurde dann die Arbeit mit Stoffbahnen und Tüchern eingeführt. In Partnerarbeit mussten die Jugendlichen sich gegenseitig einwickeln, sich zu Bewegungen führen, die ein Sichverhüllen zur Folge hatten. Sie mussten sich gegenseitig durch die Bewegung mit Tüchern führen und beherrschen lassen. Neben dem körpersprachlichen Ausdruck kam es dabei auch immer darauf an, durch die Bewegungen interessante und vielansichtige Figuren zu schaffen, die in ihrer Ausdeutung polivalent waren.

Nachdem bisher die körpersprachlichen und theatralen Aspekte mehr im Vordergrund gestanden hatten, verlagerte sich in der folgenden Arbeitsphase der Schwerpunkt stärker ins Bildnerische. In unserem Übungsraum wurde eine große Wand mit Packpapierbahnen bespannt. Die Gruppe wurde in zwei Parteien geteilt. Die Teilnehmer der ersten standen mit Stiften oder Kreiden ausgestattet an der Wand. Jeder "Zeichner" hatte ein Gegenüber aus der zweiten Gruppe, der seine graphische Aktion bestimmte und führte. Z.B.: Der Zeichner schaut nur auf die Augenbewegung des "Bestimmers". Bewegen sich die Augen nach unten, muss der Zeichner einer Strich nach unten ziehen usw. So kann der Bestimmer mit seinen Augenbewegungen Figuren vorgeben, aber auch ein wirres Gestrüpp aus Linien. Das Gleiche funktioniert aber auch mit Körperbewegungen, mit Geräuschen etc..
Nach einer gewissen Zeit wurden die Rollen, die Plätze und auch die Zeichengeräte getauscht. An der Wand entstand eine Komposition, die wesentlich aus dichter oder lockerer gesetzten Strichen in verschiedenen Farben und Strichstärken bestand. Einen bildnerischen Zusammenhang ergab das Ganze aber noch nicht. In einer Zwischenbetrachtung wies ich die Gruppe auf grundsätzliche Bedingungen einer Flächenkomposition hin: Farbe gegen Nicht-Farbe, Linie gegen Fläche, Hell gegen Dunkel, Gegenständliches gegen Nicht-Gegenständliches etc.. Im Wesentlichen ging ich also auf die Rolle der Kontrastbildung in der Fläche ein. Vertiefend erklärte ich noch die besondere Bedeutung spezieller Farbkontraste (komplementär, simultan), die Kunstwerken die notwendige Spannung verleihen.
Wir behielten unser bis dahin entstandenes graphisches Wandbild bei und änderten dann die Arbeitsweise. Flüssige Farben wurden auf Teller verteilt und mit den Händen oder mit breiten Pinseln so auf die Wand aufgetragen, dass die graphischen Strukturen nicht "zugekleistert" wurden. Zumindest war das der Arbeitsauftrag. Dazu lief Musik, die sich in ihrem Charakter zwischenzeitlich stark änderte von langsam, getragen, düster zu grell, aggressiv, skuril (Shostakovitch: Kammersinfonie 110a). Da nicht alle gleichzeitig an der Wand arbeiten konnten, lösten sich die Teilnehmer nach ihren eigenen Wünschen und Impulsen ab. Natürlich ging beim ersten Versuch die Schaffensfreude mit den Jugendlichen durch. Geplant, gesichtet etc. wurde schon bald nicht mehr. Und so entstand als erstes "Werk" eine sehr dichte, um nicht zu sagen überfrachtete Arbeit, die die Intensität und Freude am eigenen Schaffen deutlich sichtbar machte, aber unter künstlerischen Gesichtspunkten noch nicht durchgestaltet war. Wiederum fügte ich eine kritische "Werkanalyse" dazwischen und führte den Begriff der Isolierung ein. D.h., einzelne Elemente werden aus einem ungeordneten Ganzen herausgehoben und wiederum durch Kontrast zum Blickfang der Komposition gemacht.

Nach dieser sehr intensiven "Malphase" musste sich die Gruppe, die am liebsten immer weiter malend getanzt und tanzend gemalt hätte, über ein Konzept für die abschließende Werkstattpräsentation einigen. Auf jeden Fall sollte das "actionpainting" dabei einen breiten Raum einnehmen. Die anderen erarbeiteten Elemente bildeten den Handlungsrahmen. Ort der Performance war der Altarraum der Kiliankirche, der sich für unsere Zwecke besser eignete als die Stadthalle.

Knappes Konzept der Performance:
Ein Spieler stürmt mit einem speziellen Kartenspiel auf die Bühne. Jede Karte weist einem Spieler eine Rolle zu: Zeichner 1 - 8, Bestimmer 1 - 8 und Joker (da ungleiche Anzahl). Der Joker muss mit der verpackten Figur im Altarraum spielen. D. h., keiner weiß vorher, welchen Platz er in der Performance einnehmen wird. Dem Spieler werden die Karten aus der Hand gerissen. Reaktion: Freude oder Wut. Die Spieler sinken auf dem Boden zusammen. Geflüstert: "Die schönen Tage …" Zuruf aus dem Kirchenraum: "Stolz will ich …" Die Spieler springen auf und formieren sich. Zeichner an weißen Lackfolien werden geführt von den "Bestimmern" Text: "Große Seelen…" sehr bösartig, ironisch gesprochen, während die "Zeichner" die entstandenen Figuren hastig ausschneiden. Allmählicher Rollenwechsel: Aus den "Zeichnern" (Duldern) werden die stolzen Spanier, die ihre Partner mit den ausgeschnittenen Figuren domptieren und erniedrigen. (Wäsche aufhängen mein Lieber) Stumme Konfrontation der beiden Parteien, bis der Joker das Ganze auflöst durch den Spruch: "Wo alles hasst, kann Karl allein nicht lieben". In neuem Einverständnis zu sehr rhythmischer Musik treten alle an die Leinwand und malen tanzend und hüpfend. Auf ein Zeichen hören sie auf zu malen, nehmen die zuvor abgelegten weißen Figuren, kleben sie in das Bild. Zum Publikum: "Jetzt sind die schöne Tage von Korbach wirklich vorbei!"

2-perf1.jpg (20530 Byte) Impressionen 
aus der
Werkstattpräsentation
2-perf2.jpg (18070 Byte)
2-perf3.jpg (19955 Byte) 2-perf4.jpg (17037 Byte) 2-perf5.jpg (22586 Byte)

So war das Konzept. Dass dann nicht alles ganz so klappte, wie man es geplant hatte, gehört mit dazu, wenn man den Schwerpunkt auf das unmittelbare Tun und nicht auf die exakte Durchplanung legt.
Suse Morawietz

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Stand: November 2002

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