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WERKSTÄTTEN
Gesamtüberblick
Das Reich der Liebe - szenische Darstellung von
Gefühlen (2004)
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Werkstätten: Theaterwoche Korbach 2004
Rolf Gildenast,
Gelsenkirchen
"...who needs a heart, when a heart can be broken"
"Ist das schon Liebe?" - fragt
sich Micaela, das naive Bauernmädchen. "Ich krieg sie alle." -
denkt Escamillo, der Stierkämpfer. "Geil!" - findet Don Jose
Carmen, deren Mei-nung: "Die Männer sind alle Verbrecher." sich
am Ende zu ihrem Nachteil bestätigen soll.
In Anlehnung an die Novelle Carmen von
Prosper Mérimée möchte ich mit den TeilnehmerInnen Szenen entwickeln,
die das Verhältnis der maßgeblichen Charaktere zueinander und die
verschiedenen Wege, die dabei die Liebe bis zum bitteren Ende ‚hinfällt',
treffend kennzeichnen.
Die Darstellungsweise ergibt sich dabei
aus der gemeinsamen Improvisation, wobei Körper, Stimme, Wort und Musik
gleichberechtigt nebeneinander stehen.
Aus dem spontanen Improvisieren, das sich
naturgegeben aus der persönlichen Sicht und Erfahrung speist, wird eine
festgelegte Abfolge und aus dem gemeinsamen Reflektieren über
Verfremdungseffekte entsteht eine theatralische Überhöhung.
Vorkenntnisse zum Stoff oder zur
Geschichte bedarf es nicht.
Werkstattdokumentation
Teilgenommen an dieser Werkstatt, die im kleinen Saal der Stadthalle
stattfand - einer großen freien Parkettfläche, die sich für diesen
Zweck hervorragend eignete - haben 17 SchülerInnen, die zum
überwiegenden Teil an allen der sechs ‚Sessions' erschienen.
Interessanterweise gab es nur eine
Teilnehmerin aus der Münsteraner Tanzgruppe. Alle anderen hatten mehr
oder weniger sich mit dem Medium Tanz als Ausdrucksmöglichkeit noch nicht
beschäftigt.
Nach der gegenseitigen Vorstellung, wobei
es Rückfragen zu meinem Beruf im Besonderen und dem Leben am Theater im
Allgemeinen gab, erklärte ich mein generelles Prinzip, nicht als
Vortänzer zu fungieren, sondern die Bewegungen, die spontan, angeregt
durch die Musik oder die Vorstellung (ich bin traurig, ich bin... etc.)
oder vielleicht einfach nur so aus einem ‚rauskommen', zu sammeln und
auszubauen, d.h. aus eventuell banalen Gesten abstrakten Tanz zu machen.
Zum Thema ‚Liebe' hatte ich mir die
Figur ‚Carmen' und deren Geschichte aus der Oper von Georges Bizet bzw.
der Novelle von Prosper Mérimée als Rahmenhandlung ausgesucht.
Begonnen wurde jedoch jeder Tag mit einem
ca. einstündigen Aufwärmtraining : Von Lockerungsübungen über Dehn-
und Streckübungen, Bodenexercises zur Aktivierung von Bauch- und
Rückenmuskulatur, sowie Port-de-bras, Armführungen, die jeden Tag
verkompliziert wurden, d.h. verlängert, unter Einbeziehen des
Oberkörpers, der Gewichtsverlagerung, Bewegung im Raum und je nach
Möglichkeit Hochheben des Spielbeins.
Gleich beim ersten Training fiel die
Ähnlichkeit gerade dieser Port-de-bras zu den von den Münsteranern
verwandten Bewegungsvokabular auf, welches auf dem Tanzstil von José
Limon basiert.
Als Kurzeinführung in die unterschiedlichsten Tanztechniken haben wir
dann die Armführung jeweils unter Einbeziehen des Schwungs à la Limon
oder kraftvoll aus der Mitte à la Martha Graham oder elegisch à la
klassische Ballerina durchexerziert.
Während des gesamten Workshops gab es
immer wieder Momente, wo Bewegungen die Teilnehmerinnen an andere
Tanzstile erinnerten (Capoeira, Bauchtanz, Walzer...), was mir die
Möglichkeit gab ein paar Anekdötchen aus der Welt des Tanzes zu
erzählen (vom indianischen Sundancefestival über das Beltane-Fest bis
zum Kreistanz) und so die eigentliche Ähnlichkeit in Ursprung und Absicht
eines Tanzes weltweit aufzuzeigen.
An jedem Tag habe ich aus der ‚Carmen'-Story
eine Episode herausgestellt und dann haben wir im Kreis stehend versucht
Gesten und Bewegungen zu finden um folgende Situationen zu
charakterisieren :
- Don José und Micaela : Eine
Jugendliebe (M : Acht Kinder werden wir miteinander haben. - DJ :
Sieben reichen aber auch. - M : Na gut, sieben, aber beim letzten Mal
werden es Zwillinge. - DJ : So soll es sein.)
- Don José und Carmen : Ein erstes
Treffen (C : Voulez-vous coucher avec moi ? - DJ : Hä ? - C :
Voulez-vous... Nun mit den Französisch-Kenntnissen des guten Herrn
José scheint es noch nicht ganz so gut bestellt.)
- Don José und Micaela : Wiedersehen (M
: Kennst du diese Carmen ? - DJ : Nein. - M : Sie ist ein echtes
Luder. - DJ : Ja. - M : Du kennst sie doch ? - DJ : So la la. - M :
So, so.)
- Carmen und Escamillo : Business (ESC :
Wenn die Soldaten durch die Stadt marschieren, öffnen die Mädchen
Fenster und... - C : Hüte dich, mich zu langweilen. - ESC : Carmen,
ich komme... wieder ! )
Die jeweiligen Bewegungen wurden wahllos
aneinander ‚geklebt', wiederholt, bis alle sie mehr oder weniger intus
hatten, und dann ‚gehofft', dass jemand ‚zufällig' eine Fortsetzung
findet.
Dabei stellte sich auch heraus, dass ein Fehler in der Abfolge oft eine
interessantere Bewegung ergab als das ‚Original' (z.B. das
Schultershivern von Carmen, kombiniert mit klitzekleinen, Geisha-artigen
Schritten, gab der Bewegung etwas gleichsam selbstironisch-Skurriles.)
Auch die Szene, in der Carmen angeklammert an José hängt und dieser ‚tapfer'
versucht seine Bewegungen zu wiederholen, entstand eher als Gag der
Beteiligten und wurde von mir als Spielleiter ‚gnadenlos' aufgegriffen.
Die große Lust am Mitmachen und die
ziemliche gute Fähigkeit, sich auch längere Bewegungsfolgen zu merken,
haben mich erstaunt, aber auch bei dieser motivierten Truppe konnte ich
feststellen, dass das ‚blinde' Vertrauen in körperliche Reaktionen
lieber durch ein Nachdenken, ‚wie könnte es denn aussehen' ersetzt
wird.
Anstatt einfach mal wütend als Micaela, die den Ehebruch spitz kriegt,
auf einen Don José loszugehen und auf die Reaktion zu achten, überlegt
man eher ‚Sie könnte ihm doch eine Ohrfeige geben.'
Die gefundenen Abfolgen haben wir dann
darauf hin untersucht, wie man sie noch tänzerischer gestalten könnte
(s.o. Erweiterungen der Port-de-bras bzw. Veränderungen in der Dynamik)
und auf instrumentale Stücke aus der Oper ‚getanzt'.
Die Beteiligten waren überrascht, wie
man mit diesem Ansatz selbst Tänze kreieren kann.
Zu einem solchen Selbstentwickel-Versuch mit anschließendem gemeinsamen
Feedback sind wir allerdings nicht gekommen, auch nicht zum Einsatz der
Stimme oder gar der Sprache als Verstärker für den Bewegungsausdruck.
Die TeilnehmerInnen sagten jedoch im
Abschlussgespräch, das generelle Prinzip, falls es sich in der nächsten
eigenen Produktion anbieten sollte, anzuwenden zu wollen.
Da blieb und bleibt mir nur toi-toi-toi
zu wünschen und genauso viel Spaß wie in Korbach and don't forget : Shut
up and dance.
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