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Gesamtberblick

Spiegel-Bilder (2005)

 

 

 

Werkstätten: Theaterwoche Korbach 2005

Spiegel - Bilder

"Spieglein, Spieglein ..." Das Motiv des Spiegels ist in der Literatur bekannt: Narziss entdeckt im Spiegelbild des Baches sein Bild, in das er sich selbstverliebt verliert; Schneewittchens Königin sucht im Spiegel - selbstzweifelnd - die Antwort auf die Frage, wer die Schönste sei.

· Auf der Suche nach der eigenen Identität wird uns der Spiegel zum Wunsch- oder Zerr-Bild unserer Seh(n)-Sucht und ist darüber hinaus gleichzeitig unser schärfster "objektiver" Kritiker.
· Das Motiv des Spiegels gibt eine Vielzahl von Anregungen für theatrale Darstellungen auf der Bühne, denn die Bühne ist Ort der Präsentation unserer Selbst- und Fremd-wahrnehmung und benötigt das Spiel von Sehen und Gesehenwerden.
· Die Bühne bietet zusätzlich die Chance, dem Zuschauer einen Spiegel vorzuhalten.

Auf der Grundlage des folgenden Textauszuges aus Gesine Danckwarts Schauspiel "GIRLS-NIGHTOUT" wünschen wir uns für die Werkstätten eine Herangehensweise, die die Suche nach der Identität und die Wahrnehmung der eigenen Vergänglichkeit aufgreift und in szeni-scher Darstellung

  • authentisch und/oder gebrochen,
  • verzerrt-real,
  • clownesk-grotesk,
  • pantomimisch,
  • musisch-choreographisch,
  • tänzerisch,
  • ...

zu vermitteln sucht.

Ich weiß nicht genau, wann es angefangen hat, daß ich mich im Spiegel nicht mehr erkenne. Nicht daß ich mich so verändert habe und viel älter aussehe, aber eine bestimmte Art von Gesicht von mir werde ich nicht mehr wiedersehen. Ich kann jetzt sagen, daß ich im Vergleich zum Vortag gut oder schlecht aussehe, daß meine Haut besser oder schlechte geworden ist, aber ich sehe nie mehr so aus wie dieses Gesicht, das ich einmal im Sommer hatte, das so schier und klar war. Die/Den werde ich nie mehr treffen. Manchmal erwarte ich dieses Gesicht, weil ich mich gerade so fühle, und dann sehe ich in den Spiegel, und ich sehe nur ein fremdes Bild, das ich gut kenne und das ganz wirklich ist, aber nicht darüber hinaus Ich bin.

Gesine Danckwart: "GIRLSNIGHTOUT, S. 126

Text 2

Im Spiegel
Margret Steenfatt

"Du kannst nichts", sagten sie, "du machst nichts", "aus dir wird nichts". Nichts. Nichts. Nichts.
Was war das für ein NICHTS, von dem sie redeten und vor dem sie offensichtlich Angst hatten, fragte sich Achim, unter Decke und Kissen vergraben.
Mit lautem Knall schlug die Tür hinter ihnen zu.
Achim schob sich halb aus dem Bett. Fünf nach eins. Wieder mal zu spät. Er starrte gegen die Zimmerdecke. - Weiß. Nichts. Ein unbeschriebenes Blatt Papier, ein ungemaltes Bild, eine tonlose Melodie, ein ungesagtes Wort, ungelebtes Leben.
Eine halbe Körperdrehung nach rechts, ein Fingerdruck auf den Einschaltknopf seiner Anlage. Manchmal brachte Musik ihn hoch.
Er robbte zur Wand, zu dem großen Spiegel, der beim Fenster aufgestellt war, kniete sich davor und betrachtete sich: lang, knochig, grauen Augen im blassen Gesicht, hellbraune Haare, glanzlos. "Dead Kennedys" sangen: "Weil sie dich verplant haben, kannst du nichts anderes tun als aussteigen und nachdenken".
Achim wandte sich ab, erhob sich, ging zum Fenster und schaute hinaus. Straßen, Häuser, Läden, Autos, Passaten, immer dasselbe. Zurück zum Spiegel, näher heran, so nahe, daß er glaubte, das Glas zwischen sich und seinem Spiegelbild durchdringen zu können. Er legte seine Handflächen gegen sein Gesicht im Spiegel, ließ seine Finger sanft über Wangen, Augen, Stirn und Schläfen kreisen, Streichelte, fühlte nichts als Glätte und Kälte.
Ihm fiel ein, daß in dem Holzkasten, wo er seinen Kram aufbewahrte, noch Schminke herumliegen mußte. Er faßte unters Bett, wühlte in den Sachen im Kasten herum und zog die Pappschachtel heraus, in der sich einige zerdrückte Tuben fanden. Von der schwarzen Farbe war noch ein Rest vorhanden. Achim baute sich vor dem Spiegel auf und malte zwei dicke Striche auf das Glas, genau dahin, wo sich seine Augenbrauen im Spiegel zeigten. Weiß besaß er reichlich. Er drückte eine Tube aus, fing die weiche ölige Masse in seinem Händen auf, verteilte sie auf dem Spiegel über Kinn, Wangen und Nase und begann, sie langsam und sorgfältig zu verstreichen. Dabei durfte er sich nicht bewegen, sonst verschob sich seine Malerei. Schwarz und weiß sehen gut aus, dachte er, fehlt noch Blau. Achim grinste seinem Bild zu, holte sich das Blau aus dem Kasten und färbte noch die Spiegelstellen über Stirn und Augenbilder. Eine Weile verharrte er vor dem bunten Gesicht, dann rückte er ein Stück zur Seite, und wie ein Spuck tauchte sein farbloses Gesicht im Spiegel wieder auf, daneben eine aufgemalte Spiegelmaske.
Er trat einen Schritt zurück, holte mit dem Arm weit aus und ließ seine Faust in die Spiegelscheibe krachen. Glasteile fielen hinunter, Splitter verletzten ihn, seine Hand fing an zu bluten. Warm rann ihm das Blut über den Arm und tröpfelte zu Boden. Achim legte seinen Mund auf die Wunden und leckte das Blut ab. Dabei wurde sein Gesicht rotverschmiert.
Der Spiegel war kaputt. Achim suchte Zeug zusammen und kleidete sich an. Er wollte runtergehen und irgendwo seine Leute treffen.

 

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wenden Sie sich an Michael Schwarzwald
Stand: April 2005

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